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Ärzteblatt Thüringen

Kommunikation

Dieser Artikel stammt aus der Rubrik "Arzt und Recht". Autor und Initiator des Artikels ist Rechtsanwalt Johann Neu, Geschäftsführer der Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern.

Anforderungen an die Kommunikation

Wenn eine konkrete Schadensursache im Kommunikationsbereich entstanden ist, tendiert die Rechtsprechung wegen der spezifischen Gefahren der Spezialisierung (insbesondere Koordinierungslücken) zu einer Fehler-/Verschuldensvermutung zu Lasten der beteiligten Ärzte, denn bei festgestellten Koordinierungsfehlern liege die Annahme einer Ursächlichkeitsvermutung des Fehlers für den Gesundheitsschaden des Patienten zu Lasten des Arztes nahe.

Kommunikation Arzt/Arzt; Berichtspflicht

Der hinzugezogene Arzt ist grundsätzlich verpflichtet, den überweisenden Arzt in einem Arztbrief über die Erledigung des Überweisungsauftrags zu informieren. Von der Berichtspflicht werden auch solche Maßnahmen umfaßt, die der hinzugezogene Arzt über den ihm konkret erteilten Überweisungsauftrag hinaus hat vornehmen wollen, zu denen es aber wegen Nichterscheinens des Patienten nicht mehr gekommen ist.


Es gibt Unterschiede zwischen gesetzlich und privat versicherten Patienten!

Privat versicherte Patienten


Eine besondere Schweigepflichtentbindungserklärung ist in dieser Situation entbehrlich, da der hinzugezogene Arzt grundsätzlich von einer konkludenten Einwilligung in dem Sinne ausgehen kann, daß ein Patient, der sich z. B. aufgrund einer Einweisung durch den Hausarzt in einer Klinik untersuchen läßt, dadurch ohne weiteres gestattet, daß der Klinikarzt dem Hausarzt berichtet. Gleichwohl darf die Erfüllung der Berichtspflicht aber die Schweigepflicht nicht verletzen, indem z. B. mit dem Überweisungsauftrag nicht in Zusammenhang stehende Befunde offenbart werden, deren Übermittlung nicht der in Rede stehenden Behandlung und damit der Patientensicherheit dient.

Gesetzlich versicherte Patienten

Hier ist § 73 SGB V Abs. 1b zu beachten:
„Ein Hausarzt darf mit schriftlicher Einwilligung des Versicherten, die widerrufen werden kann, bei Leistungserbringern, die einen seiner Patienten behandeln, die den Versicherten betreffenden Behandlungsdaten und Befunde zum Zwecke der Dokumentation und der weiteren Behandlung erheben. Die einen Versicherten behandelnden Leistungserbringer sind verpflichtet, den Versicherten nach dem von ihm gewählten Hausarzt zu fragen und diesem mit schriftlicher Einwilligung des Versicherten, die widerrufen werden kann, die in Satz 1 genannten Daten zum Zwecke der bei diesem durchzuführenden Dokumentation und der weiteren Behandlung zu übermitteln; die behandelnden Leistungserbringer sind berechtigt, mit schriftlicher Einwilligung des Versicherten, die widerrufen werden kann, die für die Behandlung erforderlichen Behandlungsdaten und Befunde bei dem Hausarzt und anderen Leistungserbringern zu erheben und für die Zwecke der von ihnen zu erbringenden Leistungen zu verarbeiten und zu nutzen. Der Hausarzt darf die ihm nach den Sätzen 1 und 2 übermittelten Daten nur zu dem Zweck verarbeiten und nutzen, zu dem sie ihm übermittelt worden sind; er ist berechtigt und verpflichtet, die für die Behandlung erforderlichen Daten und Befunde an die den Versicherten auch behandelnden Leistungserbringer mit dessen schriftlicher Einwilligung, die widerrufen werden kann, zu übermitteln. § 276 Abs. 2 Satz 1 Halbsatz 2 bleibt unberührt. Bei einem Hausarztwechsel ist der bisherige Hausarzt des Versicherten verpflichtet, dem neuen Hausarzt die bei ihm über den Versicherten gespeicherten Unterlagen mit dessen Einverständnis vollständig zu übermitteln; der neue Hausarzt darf die in diesen Unterlagen enthaltenen personenbezogen Daten erheben.“


Wer gefragt wird, hat zeitgerecht und umfassend zu antworten.

Datenbeschaffungspflicht


Ein Arzt, der die notwendige weitere Therapie von den Ergebnissen abhängig machen muß, die von ihm veranlaßte konsiliarische Untersuchungen liefern sollen, hat die Pflicht, den zeitlich von der jeweiligen Dringlichkeit gebotenen Rahmen im Auge zu behalten und erforderlichenfalls nachzuhaken.

Kümmert sich der Arzt tagelang nicht um das Ergebnis einer histologischen Untersuchung, die die Schlüsseldiagnose abklären soll, und verzögert sich dadurch die Verlegung des Patienten in die Universitätsklinik und die unvermeidbare Nachoperation, so ist von einem gravierenden schmerzensgelderhöhenden Verschulden des Arztes auszugehen.


Wer Fragen stellt, muß sich auch um den zeitgerechten Eingang der Antwort kümmern.

Informationsbeschaffungspflicht


Die Patientensicherheit erfordert es, daß der Arzt sich auch über die Gefahren von solchen Behandlungsmethoden informiert, die von Spezialisten eingeleitet worden sind und die er als behandlungsführender Arzt fortsetzt.

Ein Beispiel aus der Rechtsprechung: Bei der in einer Neurologischen Universitätsklinik begonnenen und vom Hausarzt lange Zeit fortgesetzten Verschreibung eines mit schweren Nebenwirkungen (z. B. Kleinhirnatrophie) behafteten Medikaments treffen den Hausarzt uneingeschränkt die von einem Arzt bei der Anwendung von Arzneimitteln zu beachtenden Sorgfaltspflichten. Danach hat sich der Hausarzt über das Medikament bezüglich Kontraindikation, Dosierung und Nebenwirkungen zu informieren. Zumindest muß er sich telefonisch durch Rückfrage in der Universitätsklinik über die in der Neurologie bekannten Nebenwirkungen und Schadensfolgen der Medikation erkundigen.

Kommunikation Arzt/Patient

Der Arzt schuldet dem Patienten nicht nur eine fachgerechte Behandlung, sondern generell auch eine angemessene Kommunikation darüber.

Patientensicherheit wird gewährleistet und gefördert durch gezielte und verständliche Beratung. Die Anforderungen an die therapeutische Beratung (Sicherheitsaufklärung) sind in der Rechtsprechung vielfach beurteilt worden:


Kommunikationsmängel sind gefährlich.
Für Patient und Arzt!

Therapeutische Beratung


Der Arzt, der die Behandlung eines Patienten übernommen hat, muß ihn untersuchen, über die gebotenen Maßnahmen informieren und beraten, und – falls es darauf ankommt – auch über die Dringlichkeit solcher Maßnahmen. Er muß auch vor Gefahren warnen, die bei Unterlassen der ärztlichen Behandlung entstehen können. Ein Mangel in der therapeutischen Beratung ist ein Behandlungsfehler, der zum Ersatz des dadurch entstandenen Körper- und Gesundheitsschadens verpflichtet.

Verhaltensanweisungen bei gesicherter Diagnose



Wenn der Therapieerfolg auch davon abhängt, daß der Patient bestimmte Verhaltensmaßregeln befolgt, muß der Arzt sie dem Patienten deutlich erläutern und sich vergewissern, daß die Erläuterung verstanden wurde. Anderenfalls kommt eine Haftung wegen Verletzung der therapeutischen Aufklärungspflicht in Betracht.

Reden allein reicht nicht, der Patient muß die Botschaft auch verstehen!

Verhaltensanweisungen bei ungesicherter Diagnose



Verhaltensanweisungen sind nicht nur geboten, wenn die Diagnose gesichert ist, sondern auch dann, wenn insoweit noch keine Klarheit herrscht. Gerade dann ist häufig eine „vorsichtige“ Lebensführung geboten, um eine Heilung nicht von vornherein zu erschweren oder die noch nicht klar erkannte Erkrankung zu verschlimmern. Es liegt auf der Hand, daß dem Patienten beispielsweise körperliche Anstrengungen zu untersagen sind, wenn die konkrete Gefahr besteht, dass dadurch ein als möglicherweise erkrankt erkanntes Organ weiter geschädigt werden könnte.

Sicherheitsberatung



Hat der Patient eine vorgesehene Nachuntersuchung in der Ambulanz nicht abgewartet und das Krankenhaus verlassen, ohne über die Folgen seiner Handlungsweise belehrt worden zu sein, kann der Arzt verpflichtet sein, ihn erneut zu kontaktieren und ihn über das Erfordernis und die Dringlichkeit gebotener Therapiemaßnahmen aufzuklären.

Wenn bei einer Erkrankung die frühe Einweisung in die Klinik als sicherste Maßnahme anzusehen ist, dieser Weg aber im Einvernehmen mit dem informierten Patienten nicht gewählt wird, so gehört es zur weiteren ambulanten Behandlung, daß diese vom Arzt zeitnah überprüft wird. Dies hat durch Herstellung einer Kommunikation zwischen dem Arzt und dem Patienten oder der Pflegeperson zu erfolgen, damit sichergestellt wird, daß die getroffenen Maßnahmen greifen.

Zur sachgerechten Behandlung gehört auch die Unterrichtung des Patienten über erhobene Befunde zur Sicherstellung einer Nachbehandlung, desgleichen die Pflicht, dem Patienten bestimmte Anweisungen für die künftige Lebensführung zu erteilen, wenn die erhobenen Befunde derartige Maßnahmen erfordern. Gegebenenfalls ist auf die Dringlichkeit der Befolgung hinzuweisen und vor den Folgen einer etwaigen Nichtbeachtung zu warnen.

Wirtschaftliche Beratung



Wirtschaftliche Auswirkungen einer Behandlung (z. B. Eigenanteil, Selbstbehalt, Kostenerstattung) können Beratungspflichten des Arztes auslösen. Ist dem Arzt bekannt, daß der Krankenversicherer des Patienten bereits vor der Behandlung Zweifel an der medizinischen Notwendigkeit der Heilbehandlung geäußert hat, muß der Patient vor Beginn der Behandlung auf die Bedenken des Versicherers und das damit verbundene Kostenrisiko hingewiesen werden.

Ärztliche Kommunikation ist multidimensional:
Patienten und ihre Ärzte denken in verschiedenen Perspektiven und leben in verschiedenen Welten.