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Ärzteblatt Thüringen

Missachtung elementarer medizinischer Grundregeln ist ein grober Behandlungsfehler, auch wenn sie nicht in Leitlinien festgeschrieben sind

Leitsatz:

Gesicherte medizinische Erkenntnisse, deren Missachtung einen Behandlungsfehler als grob erscheinen lassen kann, sind nicht nur die Erkenntnisse, die Eingang in Leitlinien, Richtlinien oder anderweitige ausdrückliche Handlungsanweisungen gefunden haben. Hierzu zählen vielmehr auch die elementaren medizinischen Grundregeln, die im jeweiligen Fachgebiet vorausgesetzt werden

Nach erfolgter Mandeloperation musste die 19-jährige Patientin wegen anhaltender Blutungen nachoperiert werden. Aufgrund der Blutungen konnte die Narkose nur unzureichend eingeleitet werden. Während der Intubation geriet der Tubus in die Speiseröhre. Sättigung, Frequenz und Blutdruck fielen ab. Die aufgrund der Anästhesie nicht mehr spontan atmende Patientin wurde mittels Maske zwischenbeatmet. Blutkoagel gelangten aus dem Magen in die Lunge. Auch eine zweite Intubation gelang nicht. Zu spät wurde von dem hinzukommenden HNO-Arzt eine Koniotomie durchgeführt. Die Sauerstoffsättigung besserte sich dadurch nicht wesentlich. Erst durch die ca. 2 Stunden nach OP-beginn durchgeführte Bronchoskopie konnte der Sauerstoffsättigungswert über 60 Prozent gebracht werden. Nochmals eine halbe Stunde später wurde die Patientin tracheotomiert. Die Patientin erlitt schwere neurologische Defizite mit Vigilanzstörungen und epileptischen Anfällen und ist bis heute Patientin der Pflegestufe 3.

Nachdem das Landgericht die Klage der Patientin zunächst abgewiesen hatte, urteilte der Bundesgerichtshof, dass keineswegs nur die Leitlinien, Richtlinien und sonstigen Handlungsanweisungen zu beachtende medizinische Vorgaben enthalten sondern darüber hinaus auch die elementaren medizinischen Grundregeln des jeweiligen Fachgebietes dazu zählen.

Grundlegend führte der BGH aus, dass ein Behandlungsfehler dann als grob zu bewerten ist, wenn der Arzt eindeutig gegen bewährte ärztliche Behandlungsregeln oder gesicherte medizinische Erkenntnisse verstoßen und einen Fehler begangen hat, der aus objektiver Sicht nicht mehr verständlich erscheint, weil er einem Arzt schlechterdings nicht unterlaufen darf. Gesicherte medizinische Erkenntnisse in diesem Sinn sind neben Leitlinien und Richtlinien auch die elementaren Grundregeln des Fachgebietes, in dem vorliegenden Fall der Grundsatz, dass ein Anästhesist stets sicherzustellen hat, dass das Sauerstoffangebot den Sauerstoffbedarf des Patienten deckt.

BGH, Urteil vom 20.09.2011, Az.: VI ZR 55/09